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Die diabetische
Retinopathie

Wie häufig ist die Erkrankung?

Auf die Frage gibt es keine einfache Antwort – und die Zahl allein hilft Betroffenen auch nicht. Denn entscheidend ist nicht der Durchschnitt aller Menschen mit Diabetes, sondern die persönliche Situation.

Durchschnitt: In Deutschland hat etwa jeder vierte Mensch mit Typ-1-Diabetes eine diabetische Retinopathie. Mit Typ-2-Diabetes sind es in hausärztlicher Betreuung rund 10 bis 15 Prozent. Weltweit liegen die Schätzungen mit etwa 35 Prozent deutlich höher – ein Hinweis darauf, was eine gute medizinische Versorgung bewirken kann.

Warum diese Zahlen niedriger wirken, als sie sind:
Drei Punkte relativieren den beruhigenden Durchschnitt:

  1. Die Dauer entscheidet.

    Das Risiko wächst mit jedem Jahr der Erkrankung. Nach 20 Jahren Diabetes ist nach älteren Studien über 90 Prozent der Menschen mit Typ 1 und bei fast 60 Prozent mit Typ 2 mit Netzhautveränderungen zu rechnen. Ein unauffälliger Befund ist deshalb eine gute Nachricht für heute – und ein Grund, in einem Jahr wieder hinzuschauen.

  2. Der unbekannte Beginn

    Ein Typ-2-Diabetes beginnt meist schleichend und bleibt oft jahrelang unentdeckt. Die Erkrankung besteht dann schon länger, als es die Diagnose vermuten lässt. Deshalb finden Augenärzte nicht selten bereits bei der Erstdiagnose erste Veränderungen der Netzhaut. Manchmal ist es sogar umgekehrt: Der Augenarzt entdeckt die typischen Gefäßveränderungen und stellt damit den ersten Verdacht auf einen Diabetes.

  3. Auf wen man schaut, macht einen Unterschied.

    Betrachtet man alle Menschen mit Typ-2-Diabetes – vom frisch Diagnostizierten bis zum langjährig Erkrankten, hat etwa jeder Achte Netzhautveränderungen. Unter denen, die schon lange erkrankt sind oder deren Diabetes schwieriger verläuft, ist es rund jeder Vierte. Der Durchschnitt mischt beide Gruppen und beschreibt deshalb niemanden genau.

Was das für Sie bedeutet

Ihr persönliches Risiko kann über oder unter dem Durchschnitt liegen. Es hängt ab vom Diabetes-Typ, von der Erkrankungsdauer, der Veranlagung – und von Faktoren, die Sie beeinflussen können: Blutzucker- und Blutdruckeinstellung, Bewegung, der Verzicht auf das Rauchen. Dies bietet die Chance, durch Eigeninitiative das Erkrankungsrisiko zu verringern. Wie es um Ihre Netzhaut steht, kann keine Statistik abschließend beantworten. Das zeigt nur die Augenuntersuchung.

 

Warum sich das Hinschauen lohnt

Die diabetische Retinopathie gehört zu den häufigsten Erblindungsursachen im Erwerbsalter in der westlichen Welt. In Deutschland verlieren dadurch noch immer mehrere hundert Menschen pro Jahr das Augenlicht – deutlich mehr erleiden schwere Sehbeeinträchtigungen, die das Lesen oder das Autofahren unmöglich machen. Die gute Nachricht: Diese Zahl ist in den letzten Jahren stark gesunken, seit 2000 hat sie sich mehr als halbiert. So wird deutlich: Früherkennung und moderne Behandlung wirken.

Das Auge als Frühwarnsystem für den ganzen Körper

Das Ausmaß der diabetischen Retinopathie verrät viel über das allgemeine Risiko des Betroffenen- zum Beispiel für eine Nierenerkrankung, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Die Netzhaut hat also eine Anzeigefunktion für den ganzen Körper. Das Ergebnis der Augenuntersuchung ist deshalb nicht nur für den Augenarzt wichtig, sondern auch für den Hausarzt und Diabetologen: Daraus können Entscheidungen über die allgemeine Behandlung und sinnvolle Zusatzuntersuchungen abgeleitet werden.

Wie entsteht und verläuft die Erkrankung?

Entstehung, Einteilung
und Verlauf

Der Diabetes verändert die kleinen Gefäße der Netzhaut auf zwei Arten. Erstens bilden sich winzige Aussackungen der Gefäßwände (Mikroaneurysmen), aus denen Blut und Flüssigkeit in die Netzhaut austreten können. Es kommt zu kleinen Einblutungen, fettigen Ablagerungen und einer Schwellung (Ödem). Zweitens verengen oder verschließen sich kleine Gefäße, sodass Teile der Netzhaut nicht mehr ausreichend versorgt werden. Beides beeinträchtigt die Netzhautfunktion. Und weil die Netzhaut keine Schmerzfühler hat, geschieht das alles schmerzlos und zunächst völlig unbemerkt.

  1. Mikroaneurysmen entstehen
  2. Blut und Flüssigkeit treten aus
  3. Die Netzhaut schwillt an
  4. Einblutungen und Ablagerungen entstehen
  5. Gefäße verengen oder verschließen sich
  6. Sehen wird oft unbemerkt beeinträchtigt
Stadium 1

Nicht-proliferative Retinopathie

So heißt das frühe Stadium der Erkrankung. Erste Zeichen sind die Mikroaneurysmen – kleine rötliche Punkte, die nur bei der Augenuntersuchung erkennbar sind. Sie schränken das Sehen zunächst nicht ein, aber ihre Zunahme ist ein Vorbote weiterer Veränderungen: Blutaustritte in die Netzhaut, weißliche Fettablagerungen („harte Exsudate“) und zunehmende Gefäßverschlüsse mit Sauerstoffmangel. All das bemerken Betroffene in der Regel nicht.

Stadium 2

Proliferative Retinopathie

Werden größere Netzhautbereiche nicht mehr richtig durchblutet, senden sie als „Hilferuf“ Wachstumsfaktoren aus. Daraufhin sprießen neue Gefäße aus der Netzhaut, Wucherungen – sogenannte Proliferationen. Ihr Auftreten kennzeichnet den Übergang in ein gefährlicheres Stadium. Denn die neuen Gefäße verbessern die Durchblutung nicht: Sie wachsen über die Netzhaut hinaus in den Glaskörper, sind deutlich brüchiger als normale Gefäße und können bluten. Auch sie entstehen zunächst unbemerkt – Ärzte erkennen sie als rötliche, bäumchenartig aus der Netzhaut wachsende Strukturen. Um sie auch außen – in der Peripherie Netzhaut sicher zu entdecken, ist die Pupillenerweiterung bei der Untersuchung wichtig. Wegen des hohen Komplikationsrisikos muss dieses Stadium dringlich behandelt werden.

Mögliche Komplikationen

Das Makulaödem

Treten Gefäßschäden und Schwellung in der Netzhautmitte auf, spricht man von einer diabetischen Makulopathie; die Schwellung selbst heißt Makulaödem. Weil die Makula die Stelle des schärfsten Sehens ist, leiden dann vor allem das Lesen und das Erkennen von Gesichtern. Unbehandelt droht bei Zunahme der Schäden ein bleibender schwerer Sehverlust, weil Seh- und Nervenzellen der Makula unwiederbringlich zugrunde gehen.

Weitere Informationen finden Sie in der Nationalen Versorgungsleitlinie.

Die Glaskörperblutung

Die brüchigen neuen Gefäße können auf die Netzhautoberfläche und in den Glaskörperraum bluten. Betroffene bemerken das meist als plötzlich auftretende, bewegliche „dunkle Wolke“ im Blickfeld. Ausgeprägte Blutungen können das Sehen so stark trüben, dass nur noch Handbewegungen erkennbar sind. Eine Laserbehandlung ist dann nicht möglich – besteht die Blutung länger, muss sie operativ entfernt werden.

Zug an der Netzhaut und Netzhautablösung

Die in den Glaskörper eingewachsenen Gefäße können sich narbig verkürzen und dadurch auch an der Netzhaut ziehen (Traktion). Ohne rasche Operation kann die Netzhaut dadurch von ihrer ernährenden Unterlage abgelöst werden – schon innerhalb weniger Tagen sterben an den abgelösten Stellen Netzhautzellen ab, meist mit bleibenden Schäden für das Sehen. Die Netzhautablösung ist das Endstadium der Erkrankung: Das Sehvermögen ist dann drastisch reduziert und meist dauerhaft gestört. Eine Operation dient vor allem der Schadensbegrenzung.

Augendruckanstieg (Sekundärglaukom)

Gelegentlich wachsen die neuen Gefäße auch im vorderen Augenabschnitt, auf der Regenbogenhaut („Rubeosis iridis“). Breiten sie sich bis in den Kammerwinkel aus – die Abflussrinne für das Augenwasser -, staut sich das Kammerwasser und der Augeninnendruck steigt, schleichend oder auch schmerzhaft akut. Diese zum Glück seltene Form eines Glaukom („grüner Star“) schädigt den Sehnerv und kann unbehandelt rasch zur Erblindung führen. Sie zeigt zudem meist eine bereits ausgeprägte Netzhautschädigung an – schnelles Handeln ist dann besonders wichtig.