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Diabetes allgemein

Was ist Diabetes?

Diabetes mellitus – umgangssprachlich „Zuckerkrankheit“ – ist der Sammelbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen. Ihr gemeinsames Merkmal: Der Blutzucker ist dauerhaft erhöht. Der Grund dafür hat immer mit dem Hormon Insulin zu tun. Insulin wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet und wirkt wie ein Schlüssel: Es schleust den Zucker aus dem Blut in die Körperzellen, die ihn als Energie brauchen. Fehlt Insulin oder wirkt es nicht mehr richtig, staut sich der Zucker im Blut.

Je nach Ursache unterscheiden Ärzte vier Formen (so die offizielle Einteilung der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Diabetes Gesellschaft):

Die vier Diabetesformen

Typ-1-Diabetes

Das Insulin fehlt

Beim Typ-1-Diabetes zerstört das körpereigene Abwehrsystem irrtümlich die Insulin-bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse (eine sogenannte Autoimmunerkrankung). Warum genau es zu dieser Fehlreaktion kommt, ist bis heute nicht geklärt.

Der Typ-1-Diabetes beginnt meist in jungen Jahren – am häufigsten zwischen 12 und 14 -, kann aber in jedem Lebensalter auftreten. Etwa 5 von 100 Menschen mit Diabetes haben Typ 1. Sie müssen in der Regel lebenslang Insulin zuführen, mit Spritzen oder einer Insulinpumpe.

Typ-2-Diabetes

Das Insulin wirkt nicht mehr richtig

Der Typ-2-Diabetes ist mit über 90 Prozent die mit Abstand häufigste Form. Hier stellt die Bauchspeicheldrüse zunächst noch Insulin her – der Körper reagiert aber immer schlechter darauf. Ärzte sprechen von Insulinresistenz: Der Schlüssel passt sozusagen nicht mehr richtig ins Schloss.

Früher hieß diese Form „Altersdiabetes“, weil sie meist im höheren Lebensalter auftritt. Inzwischen erkranken aber zunehmend auch junge Erwachsene, in seltenen Fällen sogar Jugendliche. Zu Beginn ist meist noch kein Insulin nötig: Vielen Betroffenen helfen zunächst eine Umstellung der Ernährung, mehr Bewegung und Tabletten.

Andere, seltenere Formen

Selten entsteht ein erhöhter Blutzucker aus ganz anderen Gründen – zum Beispiel durch seltene erbliche Erkrankungen, Hormonstörungen, als Nebenwirkung von Medikamenten oder durch Erkrankungen und Operationen der Bauchspeicheldrüse. Die offizielle Bezeichnung lautet „andere spezifische Diabetestypen“.

Schwangerschaftsdiabetes

Bei etwa 8 von 100 Schwangeren steigt der Blutzucker während der Schwangerschaft (Fachbegriff: Gestationsdiabetes) – Tendenz steigend. Risikofaktoren sind ein höheres Alter und Übergewicht der Mutter. Die Babys sind bei der Geburt oft größer, gelegentlich aber auch unreifer als andere Neugeborene. Nach der Geburt normalisiert sich der Blutzucker meist wieder – die Mütter behalten aber ein erhöhtes Risiko, später einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

Die Vorstufe: Prädiabetes

Der Typ-2-Diabetes kommt nicht über Nacht. Ihm geht meist eine jahrelange Vorstufe voraus, der sogenannte Prädiabetes: Der Blutzucker ist bereits erhöht, erreicht aber noch nicht die Werte eines Diabetes. Beschwerden macht das in der Regel keine – deshalb wissen die meisten Betroffenen nichts davon.

Die Vorstufe ist zugleich eine Chance: In diesem Stadium lässt sich die Entwicklung noch aufhalten oder sogar umkehren. Mit mehr Bewegung und einer Ernährungsumstellung kann das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, deutlich gesenkt werden – Studien zufolge um 40 bis 70 Prozent.

Was treibt den Typ-2-Diabetes an?

Beim Typ-2-Diabetes wirken meist mehrere Faktoren zusammen:

  • Erbliche Veranlagung: Diabetes in der Familie erhöht das eigene Risiko deutlich. Die Gene kann niemand ändern, den Umgang damit schon: Wer familiär vorbelastet ist, profitiert besonders von einem gesunden Lebensstil und regelmäßigen Kontrollen.
  • Ernährung: Dauerhaft zu kalorienreiches Essen und viele zuckerhaltige Getränke belasten den Stoffwechsel und fördern Übergewicht.
  • Bewegungsmangel: Arbeitende Muskeln verbrauchen Zucker und machen die Zellen empfänglicher für Insulin. Wer sich wenig bewegt, begünstigt die Insulinresistenz – Bewegung ist umgekehrt eines der wirksamsten „Medikamente“.
  • Lebensalter: Mit den Jahren steigt das Risiko – auch unabhängig vom Lebensstil.
  • Übergewicht: Etwa 80 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes sind übergewichtig. Entscheidend ist dabei aber weniger das Gewicht auf der Waage als die Frage, wo das Fett sitzt.

Wie misst man eigentlich Übergewicht?

Das bekannteste Maß ist der Body-Mass-Index (BMI). Er wird aus Gewicht und Körpergröße berechnet: Körpergewicht in Kilogramm, geteilt durch die Körpergröße in Metern im Quadrat. Ein Beispiel: Wer 80 kg wiegt und 1,75 m groß ist, hat einen BMI von 80 : (1,75 × 1,75) ≈ 26.

Als grobe Orientierung gilt bei Erwachsenen: Ein BMI von 18,5 bis 25 ist Normalgewicht, ab 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von starkem Übergewicht (Adipositas). Der BMI ist beliebt, weil ihn jeder ohne Hilfsmittel selbst berechnen kann. Für das Diabetes-Risiko hat er aber eine entscheidende Schwäche.

Warum der BMI allein wenig aussagt

Der Body-Mass-Index (BMI) setzt nur das Gewicht ins Verhältnis zur Körpergröße. Er verrät aber weder, ob das Gewicht aus Muskeln oder Fett besteht, noch, wo das Fett sitzt. Genau darauf kommt es an: Gefährlich für den Stoffwechsel ist vor allem das Bauchfett (Fachbegriff: viszerales Fett), das die inneren Organe umgibt. Es gibt Botenstoffe ab, die die Insulinwirkung stören.

Deshalb kann ein schlanker Mensch mit viel innerem Bauchfett ein höheres Diabetes-Risiko haben als ein muskulöser Mensch mit hohem BMI. Ein einfacher zusätzlicher Anhaltspunkt ist der Taillenumfang: Ab etwa 80 cm bei Frauen und 94 cm bei Männern steigt das Risiko, ab 88 cm bzw. 102 cm ist es deutlich erhöht.

Blick in die Forschung: Diabetes ist nicht gleich Diabetes

Die Einteilung in Typ 1 und Typ 2 ist für die Behandlung nach wie vor maßgeblich – aber sie ist grob. Forscher haben in den letzten Jahren feinere Untergruppen beschrieben: Eine schwedische Studie beschrieb für den Diabetes im Erwachsenenalter fünf Subtypen (Cluster), die sich in Ursache, Verlauf und Risiko für Folgeschäden unterscheiden. Einige dieser Untergruppen haben ein besonders hohes Risiko für Netzhautschäden.

Solche Gruppen (‚Cluster‘) sind noch nicht Teil der offiziellen Einteilung. Sie könnten aber in Zukunft helfen, Vorsorge und Behandlung individueller auf den einzelnen Menschen zuzuschneiden.

Woran erkennt man Diabetes?

Typische Anzeichen eines unbehandelten oder entgleisten Diabetes sind starkes Durstgefühl, häufiges Wasserlassen und Gewichtsverlust – sie können aber auch völlig fehlen. Die Diagnose stellt der Arzt mit einer Blutuntersuchung. Dafür gibt es mehrere Wege:

  1. Nüchtern-Blutzucker

    Normal sind Werte unter 5,6 mmol/l (100 mg/dl). Ab 7,0 mmol/l (126 mg/dl) liegt ein Diabetes vor – Werte dazwischen gelten als Prädiabetes.

  2. Blutzucker zu einem beliebigen Zeitpunkt

    Werte ab 11,1 mmol/l (200 mg/dl) sprechen – zusammen mit typischen Beschwerden – für einen Diabetes. Bei einer Entgleisung kann der Wert auf etwa 28 mmol/l (500 mg/dl) steigen.

  3. Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c)

    Er zeigt den durchschnittlichen Blutzucker der letzten zwei bis drei Monate. Ab 6,5 % (48 mmol/mol) liegt ein Diabetes vor, 5,7 bis 6,4 % (39-46 mmol/mol) gelten als Prädiabetes.

  4. Zuckerbelastungstest

    Nach dem Trinken einer Zuckerlösung wird gemessen, wie gut der Körper den Zucker verarbeitet. Ein Wert ab 11,1 mmol/l (200 mg/dl) zwei Stunden danach bedeutet Diabetes.

Warum zwei Einheiten?

Beim Blutzucker gibt es zwei Möglichkeiten, die Messangaben zu beschreiben:

  • mg/dl gibt an, wie viel Zucker (in Milligramm) in einem Zehntelliter Blut gelöst ist
  • mmol/l zählt stattdessen die Zuckerteilchen pro Liter

In den westlichen Bundesländern ist oft mg/dl noch üblich, in den östlichen wird die offiziell korrekte Einheit mmol/l verwendet. Zum Umrechnen: mg/dl geteilt durch 18 ergibt mmol/l (Beispiel: 126 mg/dl ≈ 7,0 mmol/l).

Beim Langzeitwert HbA1c wird gemessen, an wie viel rotem Blutfarbstoff Zucker „angedockt" hat. Die vertraute Prozentangabe sagt: So viel Prozent des Blutfarbstoffs sind verzuckert. Die neuere internationale Einheit mmol/mol drückt dasselbe genauer aus und steht heute auf vielen Laborbefunden zusätzlich. Als Merkhilfe: 6,5 % entsprechen 48 mmol/mol.

Diabetes - eine Volkskrankheit

Über 9,3 Millionen Menschen in Deutschland haben einen diagnostizierten Diabetes. Die Häufigkeit steigt mit dem Alter: Von den 30- bis 39-Jährigen ist etwa 1 Prozent betroffen, von den 70- bis 79-Jährigen mehr als 20 Prozent. Bis zum 50. Lebensjahr erkranken häufiger Männer, im höheren Alter häufiger Frauen.

Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer: Schätzungsweise 2 Millionen Menschen in Deutschland wissen nichts von ihrem Typ-2-Diabetes, denn diese Form beginnt oft schleichend und ohne Beschwerden. In einer Untersuchung im Raum Mainz war über einem Viertel der Betroffenen die eigene Erkrankung nicht bekannt. Die Folge: Bei der Diagnose können bereits Folgeschäden bestehen – Studien zufolge ist bei einem erheblichen Teil der neu diagnostizierten Typ-2-Patienten die Netzhaut schon erkrankt.

Die gute Nachricht

Die Behandlung des Diabetes ist in den letzten Jahren besser geworden, und es gibt Hinweise, dass Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Erblindung etwas seltener werden. Trotzdem gilt: Gute Blutzucker- und Blutdruckwerte allein verhindern Folgeschäden nicht sicher – und diese verlaufen lange ohne Beschwerden. Deshalb sind Früherkennungsuntersuchungen so wichtig, allen voran die regelmäßige Augenuntersuchung.